Lese-Tipp: Sterben

Donnerstag, 05. November 2015, 12:37 Uhr

"Am schwierigsten ist es, wenn jemand gar nicht bereit ist, über den Tod zu sprechen": Krebsspezialist Martin Fey spricht in der "Annabelle" über Diagnosegespräche mit Todkranken.

Prof. Martin Fey, Klinikdirektor und Chefarzt Universitätsklinik für Medizinische Onkologie am Inselspital. (Foto: Susi Bürki)

Prof. Dr. med. Martin Fey (63), Klinikdirektor und Chefarzt für medizinische Onkologie am Inselspital Bern, erzählte der "Annabelle" auf Anfrage, wie es ist, einem Patienten zu sagen, dass er sterben wird. Er räumt dabei mit zwei Irrtümern auf:

  • Irrtum Nr. 1: Es gibt während einer schweren Krebserkrankung nicht "dieses eine fatale Gespräch (...), in dem der Arzt das Todesurteil ausspricht. Es gibt viele Gespräche, in denen das Sterben in irgendeiner Form – mal mehr, mal weniger explizit – zum Thema wird."
  • Irrtum Nr. 2: Der Arzt soll keineswegs 1:1 mitleiden, damit wäre den Patienten zuallerletzt geholfen. "Es bringt ihnen nichts, wenn ich am Boden zerstört bin oder in Tränen ausbreche. Meine Patienten haben das Recht auf einen Arzt, der sich nicht von seinen Gefühlen übermannen lässt."

Stattdessen liegt der Fokus auf dem noch Machbaren: "Wir sprechen zum Beispiel über eine wirksame Schmerztherapie oder über die Möglichkeit, das Spital noch einmal zu verlassen, und darüber, welche Massnahmen nötig sind, um den Alltag zu meistern. Denn auch todkranke Patienten haben diesen noch."

Wichtig ist die Grundhaltung: zu akzeptieren, was sich nicht ändern lässt. "Ich betrachte die Tatsache des Todes mit einem gesunden Fatalismus. Jeder wird sterben, der Tod ist Teil des Lebens. Dank meiner persönlichen Lebensphilosophie kann ich akzeptieren, dass nicht alle Krankheiten heilbar sind. Man muss sich auf das konzentrieren, was man noch tun kann, anstatt das zu beweinen, was nicht mehr möglich ist. Das gilt für jeden, nicht nur für sterbenskranke Patienten."

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